Neue Besen kehren gut

… oder: Die Visionen der Frau Rosenbauer

(von Christine Sylvester 2006, erschienen in: die melange. Das Magazin für Wiener Alltagskultur, März 2006)

Ich begrüße Sie alle zu unserem ersten Gesamtmeeting. Wie Sie bereits wissen, habe ich diese Agentur neu übernommen. Sie alle dürften meinen Schrieb inklusive Steckbrief zu meiner Person erhalten haben. Mein Name ist Rosenbauer. Ich bin die neue Geschäftsführerin und will Sie nicht mit egozentrischen Selbstdarstellungen langweilen, sondern zu Sachen kommen, die Sie alle ganz direkt betreffen.
Wir werden abspecken müssen. Das betrifft Sie alle. Und auch mich betrifft es, denn ich muss die Spreu vom Weizen trennen.
Ich werde also nach Abteilungen vorgehen:
Wir haben die Kreativabteilung Bild und Wort. Dann haben wir die Kontakter, und die Buchhaltung mit den Kalkulatoren.
Diese drei Abteilungen sind natürlich unabdingbar für eine Full-Service-Agentur wie wir es sind und zu bleiben gedenken. Sie werden aber – ich wiederhole mich an dieser Stelle ganz bewusst – deutlich abspecken müssen!
Das heißt im Klartext: Ich will keine Kreativabteilungen mit Leuten, die die Hälfte ihrer Zeit damit verbringen, Dateien hin und her zu schieben, mit Bildbearbeitungsfiltern herumzuspielen, und dann noch behaupten, sie könnten nur am Mac arbeiten. Bullshit!
Unser neues Kreativlabor braucht genau eine Hand voll exzellente Mitarbeiter. Also fünf Leute. Der Rest fliegt raus!
Warum gerade fünf? – Nun, ich möchte Pattsituationen vermeiden. Drei Leute liefern zu wenig Brauchbares, sieben Leute liefern zu viel und erfordern zusätzliche Auswahlprozesse.
Ich will fünf Leute, die je mindestens drei Highlights pro Monat landen. Echte Kreative und keine Pixelschieber. Daher muss ich herausfinden, wer unter Ihnen zu welcher Kategorie gehört.
Wenn Sie also wieder an Ihre Arbeitsplätze zurückkehren – in etwa einer Stunde, denke ich -, werden dort nicht nur die Macs verschwunden sein…
Ruhe bitte! Natürlich haben wir alle Backups auf dem Server…
Sie werden an Ihrem Arbeitsplatz außerdem alle eine Kündigung zum Jahresende…
Ruhe! Ich dulde keine Disziplinlosigkeiten.
…Ihre Kündigung zum 31.12. finden.
Ab sofort werde ich also die Spreu vom Weizen trennen. Und ich werde mich nicht an Ihren bisherigen Leistungen orientieren, sondern ganz und gar aktuell eine Auswahl treffen.
Jetzt und hier fällt der Startschuss für drei arbeitsintensive Monate. Jeder Kreativmitarbeiter hat pro Monat mindestens drei absolut herausragende und überzeugende Ideen zu liefern. Dabei erhalten Sie selbstverständlich alle die gleichen Briefings, wovon eines jedoch ein reiner Testlauf ist. Welches, hat Sie nicht zu interessieren.
Es hat also jeder von Ihnen die gleiche Chance, demnächst zur Crème de la Crème unseres Kreativlabors zu gehören. Und die fünf Kreativen, die schließlich auf ganzer Linie überzeugen, werden mit ihrem neuen Vertrag das doppelte Gehalt bekommen…
Die Testkampagnen der Kreativen bilden die Grundlage für das ebenso notwendige Auswahlverfahren unter den 15 Kontaktern. Auch hier werden genau fünf Kontakter in der Agentur verbleiben, und zwar die, die uns die passenden Kunden mit einem entsprechenden Etat an Land ziehen. Fünf effektiv arbeitende Mitarbeiter mit exzellenten Kontakten und herausragend zufriedenen Stammkunden erhalten ebenfalls ab Jahresbeginn einen neuen Vertrag mit doppeltem Gehalt.
Bitte Ruhe… Fragen zu den Details stellen Sie bitte bis zum Ende des Meetings zurück.
Ich fahre fort und komme damit zur Buchhaltung und den Kalkulatoren. In der Buchhaltung wird der Chefbuchhalter als Sachbearbeiter für die reinen Buchungsvorgänge verbleiben. Zwei Kalkulatoren werden mir in Zukunft als rechte und linke Hand zur Verfügung stehen.
Na, sehen Sie. Die Buchhaltung erweist sich doch als erstaunlich diszipliniert. Da uns hier nur zwei Personen zum Jahresende verlassen werden, fällt das Auswahlverfahren weniger komplex aus. Die Spreu wird anhand von Aufgaben herausgefiltert, die Sie mit Ihrer Kündigung an Ihrem Arbeitsplatz finden. Ich möchte Ihre schriftlichen Ergebnisse zum Ende der Woche auf dem Tisch haben.
Und da Sie sich spätestens an dieser Stelle fragen werden, welche Aufgaben ich selbst zu übernehmen gedenke…
Ja, dieser neue Besen, der bis Jahresende zwei Drittel der Belegschaft hinauskehren wird… Nun, ich werde natürlich meinen Teil dazu beitragen, dass hier in Zukunft weniger Zuständigkeits- und Planungswirrwarr herrscht. Daher übernehme ich die gesamte Konzeption. Für alle Projekte, alle Kunden, alle Zusammenhänge. Das heißt, dass alle Kreativen und Kontakter mir und meinen beiden Kalkulatoren zuarbeiten werden…
Und das täglich von 10 Uhr bis 20 Uhr. Wir machen keine Überstunden und verbringen unsere Wochenenden außerhalb der Agentur. Wer nach 20 Uhr oder am Wochenende hier herumsitzt, kann sich sofort seine Papiere abholen.
Jeden Morgen um 10:10 Uhr treffe ich je einen Kreativen und einen Kontakter zum 50-Minuten-Meeting in meinem Büro. Wen ich in meinem Büro sehen will, wird morgens um 10 Uhr auf dem Monitor im Foyer angezeigt. Ebenso, um welches Projekt es sich handeln wird…
Nein, frühere Ankündigungen lehne ich kategorisch ab. Ich möchte, dass Sie alle Projekte mit der gleichen Sorgfalt und Intensität behandeln.
Ich selbst stehe Ihnen allen täglich zu einer Sprechstunde zur Verfügung. Diese Sprechstunde werde ich ebenfalls am Morgen und gemäß meiner sonstigen terminlichen Verpflichtungen bekannt geben.
Ich möchte noch mal betonen: Unsere Arbeitszeiten sind kein Feld für Experimente. Zwei Stunden Pause pro Tag sollen jedem Mitarbeiter ermöglichen, eine Tageszeitung zu lesen, ein privates Telefonat zu führen und sich zwei Mal am Tag vernünftig in unserer Kantine zu ernähren.
Bevor Sie jetzt fragen, in welcher Kantine…
Ich komme nun zu den neuen Errungenschaften dieser Agentur. Denn Sie sollen natürlich auch erfahren, wofür wir hier zahlenmäßig abspecken: Für eine bessere Zukunft.
Hier sehen Sie meine Tochter Lilly in diesem neuen Kinderwagenmodell… Und was dort verschämt mit dem Schwänzchen wedelt, ist Rudi, mein Cockerspaniel… Ich bitte von ernst gemeinten sowie verlogenen Sympathiekundgebungen Abstand zu nehmen… Danke. Ich sehe, Sie sind vernünftig.
Nun, meine Tochter und mein Hund fungieren stellvertretend für meine Vision einer neuen Corporate Identity: Nicht nur Lilly und Rudi sollen mich täglich hierher begleiten. Auch Ihre Lillys und Willis, Rudis und Hassos sollen Sie zur Arbeit begleiten!
Neben der neuen Kantine im Erdgeschoss wird es einen Hundehort geben. Spaziergänge finden täglich um 12, 16 und 19 Uhr statt. Im ersten Stock wird eine Betreuung für Kinder ab drei Jahren eingerichtet, die ab nachmittags auch die jüngeren Schulkinder aufnimmt und bei den Hausaufgaben unterstützt. Im zweiten Stock befindet sich die Krabbelstube für die ganz Kleinen, mit musikalischer Früherziehung und täglichem Ausflug in den Park.
Sie sehen also, dass wir zwei Drittel der Mitarbeiter entlassen müssen, um diese Visionen in die Tat umzusetzen!
Für alle anderen Mitarbeiter gilt: Falls Sie keine Kinder haben, befreien Sie zumindest einen Hund aus dem Tierheim.
Und natürlich betreiben wir diese Unternehmenspolitik nicht aus reiner Nächstenliebe. Wir betreiben sie, weil es uns eine unbezahlbare PR sichert: Unternehmen des Jahres, Familienfreundlichster Betrieb Deutschlands, Ein Herz für Tiere usw.
Deshalb komme ich hier und jetzt zu unserer neuen Marketingstrategie mit folgenden Kundenprofilen: Hersteller von Windeln, Hundefutter, Waschmittel, Babynahrung…
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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