Die Angst der Anderen

(von Christine Sylvester 2007, erschienen in: Meine Nachbarn. Ausgewählte Erzählungen, BIM Schriftenreihe Migration und Literatur Bd.13, Bonn 2007)

Lamia zerrte ihren Rucksack vom Transportband. Sie ging in die Hocke und streifte sich die Haltegurte über die schmalen Schultern. Dann richtete sie sich ächzend auf, taumelte ein paar Schritte und gewann breitbeinig ihr Gleichgewicht zurück. Wer sie beobachtete, hätte nicht vermutet, dass sie gerade im Urlaub gewesen war. Dunkle Augenringe zeichneten ihre tiefbraunen Augen. Das schwarze Haar hing lustlos um ihr bleiches Gesicht.
In der Ankunftshalle war niemand, der sie erwartete. Und doch zuckte auch in Lamia kurz etwas auf, ein Gefühl der leisen Vorfreude, wenn man zurückkehrt nach Hause, die Erwartung auf einen kleinen Applaus der Seele. Lamias Seele gähnte. Sie schob sich und ihren Rucksack durch die Flughafenhalle nach draußen. Hier harrten Taxis und Busse ihrer Fahrgäste. Es dämmerte bereits. Sie brauchte nur den Bus der Linie 56 zu nehmen, der hielt direkt vor ihrer Haustür. Dort wartete der 56er auch schon mit geöffneten Türen. Lamia ließ sich keuchend auf der nächstbesten Sitzbank nieder. Sie streifte die Schultergurte ab, lehnte sich an ihren Rucksack und schloss die müden Augen. Sie sehnte sich ganz schrecklich nach ihrer Badewanne, einer Tasse Tee und ihrem Bett. Lamia seufzte voller Vorfreude.
„Hey, Sie da!“ Lamia zuckte zusammen. Was für eine unangenehm schrille Stimme das war. „Hey, Sie!“ – „Lass sie doch, Heike!“ mischte eine andere Frauenstimme sich ein. „Du siehst doch, dass sie schläft.“ – „Quatsch, die schläft doch nicht! Die tut doch nur so!“ Das war wieder die schrille Stimme. „Was meinen Sie denn dazu?“ – „Was soll ich meinen?“ fragte eine Männerstimme.
Lamia war sich nicht sicher, wem dieses seltsame Gespräch galt. Da sie keinerlei Lust verspürte, mit der Schrillstimmigen zu plaudern, mimte sie die Schlafende.
„Glauben Sie, dass die da schläft?“ schrillte es. „Hmh, ich weiß nicht“, sagte die Männerstimme. „Könnte sein…“ – „Misch dich da besser nicht ein, Manfred!“ verlangte eine energische weitere Frauenstimme. Lamia spürte einen feinen Luftzug neben sich. „Sieht die nicht aus wie dieser Mensch auf dem Foto?“ fragte ein Mann. – „Meinen Sie das Bild aus der Tagesschau?“ mischte sich wieder die schrille Frauenstimme ein. – „Oh, Gott, das Fahndungsbild…“, tönte es aus dem Hintergrund. – „Ach, die sehen doch alle gleich aus!“ verkündete die erste Männerstimme. – „Ja, eben, arabisch, irgendwie arabisch…“ Das war wieder eine Frau. – „Aber sie trägt doch gar kein Kopftuch…“ – „Na, das wäre doch viel zu auffällig. Das ist doch die Tarnung!“
Lamia konnte die Stimmen kaum noch unterscheiden; es waren zu viele.
„Und sehen Sie sich nur diesen Rucksack an! Ich möchte nicht wissen, was da drin ist!“ – „Ich schon.“ – „Lieber nicht.“ – „Sollen wir sie wecken?“ – „Die schläft doch gar nicht wirklich!“ – „Halt! Nicht anfassen! Sonst macht sie doch sofort kurzen Prozess!“ – „Sie meinen…?“ – „Sie etwa nicht?“
Ein dumpfes Grollen war zu hören, dann vibrierte der Bus leicht. Der Fahrer hatte den Motor gestartet. Mit einem hydraulischen Zischen schlossen sich die Türen.
„Halt!!!“ schrie die schrille Frauenstimme entsetzt.
Lamia fuhr hoch. Das klang ja furchtbar.
Eine Frau mittleren Alters starrte sie hasserfüllt an. „Wir fahren nicht! Nicht mit der da im Bus!“
Zahlreiche Augenpaare waren auf Lamia gerichtet. Misstrauen, Angst, Hass, Entsetzen spiegelten sich in diesen Augenblicken. Lamia blinzelte ungläubig in die fremden Gesichter. Was hatten die nur alle?
Erneut hob turbulentes Stimmengewirr an. – „Öffnen Sie die Türen wieder! Wir steigen aus!“ – „Genau, wir fahren nicht mit diesem Bus!“ – „Nicht mit der da!“ – „Man ist ja seines Lebens nicht mehr sicher!“
Der Busmotor verstummte. Die ohnehin schon laut dröhnenden Stimmen schwollen in Lamias müden Ohren zu einem einzigen großen klumpigen Gebrüll an. Was war das nur für ein absurdes Theater hier? Sie schüttelte unwillkürlich den Kopf.
„Ha, jetzt tut sie so, als ob sie uns nicht versteht!“
Plötzlich stand der Busfahrer vor Lamia und dämpfte mit beschwichtigender Geste das Gebrüll. „Was ist denn hier los? Wer will aussteigen und warum?“
„Wir! Wir alle!“ – „Nein, sie! Sie muss raus!“ Jemand deutete mit dem ausgestreckten Finger auf Lamia. – „Genau! Setzen Sie sie vor die Tür!“ Allgemeines Kopfnicken, „Jawoll!“ und „Sofort!“ – „Sie ist eine Schläferin! Raus mit ihr!“ – „Sie will uns alle in die Luft jagen!“
Lamia sah entsetzt von einem zum anderen. Sie hielten sie für eine Attentäterin! Warum, um Himmels Willen?
„Raus mit ihr!“ – „Entweder sie – oder wir alle!“ Einstimmige Rufe und bestätigendes Gemurmel erfüllten den Bus.
Der Fahrer machte ein ratloses Gesicht. Er vermied es, Lamia direkt anzuschauen. „Na, also, ähm… Ich kann doch nicht…“
„Sie müssen!“ – „Oder wir gehen alle!“ Koffer und Taschen wurden ergriffen. – Eine ältere Frau machte sich an der Tür zu schaffen. „Öffnen Sie sofort die Tür!“ Sie stemmte die Hände in die Hüften.
Der Busfahrer hielt zögernd den Schlüssel für die Tür in der Hand. „Also, ich weiß nicht…“
Die anderen Fahrgäste starrten Lamia an. Sie erhob sich seufzend. „Lassen Sie nur, ich gehe ja schon“, sagte sie leise. Sie schlüpfte in die Schultergurte ihres Rucksacks.
„Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ Der Busfahrer griff nach dem Rucksack.
„Neiiin!“ Ein hysterischer Schrei zuckte auf.
Lamia fuhr ebenso erschrocken zusammen wie alle anderen. Zischend öffneten sich die Türen.
Mit unsicheren Schritten, aufgeregtes Gemurmel im Rücken, verließ Lamia den Bus. Sie gähnte und machte sich auf zum nächsten Halteplatz. Da vorne stand ein 82er, den konnte sie auch nehmen. Sie musste dann nur noch ein Stück nach Hause laufen. Der Fahrer ließ schon den Motor an. Lamia beeilte sich. Gerade als sie den Bus erreichte, schlossen sich die Türen und er fuhr an. Lamia starrte ungläubig hinter dem Bus her. Der Fahrer musste sie doch gesehen haben… Er hatte ihr die Tür vor der Nase zugemacht!
Lamia knurrte leise. Sie wollte nur noch in ihre Badewanne und ins Bett. Eine leise Empörung stieg in ihr auf. Was ihr da eben widerfahren war, verstand sie nicht. Sie wusste nur, dass es ungerecht war, dass diese Situation grotesk war, dass alles daran falsch war. Ehe sie sich versah, hatten Lamia und ihre unerquicklichen Gedanken auf der Rückbank eines Taxis Platz genommen. Der Taxifahrer verstaute diensteifrig den ausladenden Rucksack im Kofferraum und fluchte dabei leise vor sich hin.
Was Lamia eigentlich empörte, war die Bedeutung der absurden Situation im Bus. Was sollte das?
Der Taxifahrer sah sie erwartungsvoll an. „Du suchen Hotel? In City?“ fragte er.
Lamia blickte irritiert auf. Sie würde noch lange über diese Leute nachdenken und sich Fragen dazu stellen… Diese Vorstellung entmutigte sie zutiefst.
„Nix Hotel? Du besuchen Familie?“ Der Taxifahrer gestikulierte eigenartig herum. „Du zum ersten Mal in Deutschland… först taim Dschörmänie? Du ju spiek inglisch?“
Lamia schüttelte verwirrt den müden Kopf. Sie musste versuchen, diese Gedanken so schnell wie möglich loszuwerden.
„Wer du ju want tu go? Ai kän scho ju se wei“, versprach der Taxifahrer.
Lamia holte sich mit einem Räuspern zurück in den Moment. Sie wollte nach Hause. Darauf musste sie sich konzentrieren. „Hegelstraße 242. Bitte“, sagte sie.
Der Taxifahrer verzog das Gesicht, grummelte „Na, warum denn nicht gleich…“, drehte sich um und fuhr los. Einige Straßen weiter kehrte sein Redebedürfnis zurück. „Sie sind doch in den Bus eingestiegen…“
„Mhm.“ Lamia nickte.
„War wohl nicht der Richtige“, mutmaßte der Fahrer. „Obwohl… Der 56er fährt die Hegelstraße rauf.“
„Stimmt“, seufzte Lamia. „Er hält vor meiner Haustür.“
„Und warum wollten Sie dann den anderen Bus nehmen?“ Das Taxi hielt an einer roten Ampel.
„Die haben mich rausgeschmissen“, sagte Lamia.
Der Taxifahrer drehte sich zu ihr um. „Wieso denn das?“
„Sie dachten, ich wolle den Bus in die Luft sprengen.“ Als sie die Worte jetzt aussprach, wirkte es noch absurder.
„Aha.“ Ein lautes Hupen ertönte. Die Ampel war grün. Er fuhr weiter. „Sie waren länger weg?“
Lamia nickte matt.
„Hier war in der letzten Zeit viel los“, erklärte er. „Terrorwarnungen, Bomben in Großstädten.“ Das Taxi bog in die Hegelstraße ein. „Waren Sie im Ausland?“
„Türkei“, sagte Lamia tonlos. „Zu laut, zu voll, zu gefährlich. Man durfte das Hotel die ganze Zeit nicht verlassen, wegen einiger Bombenanschläge auf Touristen.“
Der Wagen hielt vor Haus Nummer 242. „Macht 38,20.“
Mit einem „Stimmt so“ überreichte Lamia dem Taxifahrer 40 Euro und nahm ihren Rucksack entgegen.
„Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf“, sagte der Fahrer grinsend. „Machen Sie Ihren nächsten Urlaub im Schwarzwald. Und färben Sie Ihre Haare blond.“
„Und das soll helfen gegen die Angst?“ fragte Lamia ungläubig.
„Vielleicht nicht gegen Ihre“, sagte er. „Aber zumindest gegen die der Anderen!“

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