Edgars Entführung

(von Christine Sylvester 2009, erschienen in: MordsHolz, SiebenVerlag 2010)

„Wir haben Ihren Edgar. Zahlen Sie zwei Millionen Euro in kleinen Scheinen! Dann passiert ihm nichts. Und keine Polizei!“
„Wie? Was soll der Quatsch?“ Die Künstlerin klang ungehalten.
„Machen Sie, was ich sage und Sie bekommen ihn wohlbehalten zurück.“ Obwohl die Stimme elektronisch verzerrt war, war klar, dass ein Mann am anderen Ende der Leitung sprach.
„Sagen Sie mal, sind Sie eigentlich noch zu retten?“, rief die Künstlerin empört. „Sie schnappen sich Edgar, stören mich hier bei der Arbeit … Und dann soll ich auch noch Geld dafür zahlen, dass ich ihn zurückbekomme? Sind Sie total bescheuert? Ich bin doch froh, dass ich den los bin!“ Sie schien erst so richtig in Fahrt zu kommen. „Zwei Millionen! Bei Ihnen piept´s wohl! Ich gebe Ihnen Geld, wenn Sie ihn behalten!“
Der Entführer war vermutlich ebenso verblüfft über diesen Ausbruch wie ich. Doch er hatte sich schneller wieder gefangen. „Lassen Sie den Blödsinn!“, verlangte er barsch. „Zwei Millionen in kleinen Scheinen, oder Sie bekommen ihn in Einzelteilen zurück!“
Die Künstlerin lachte kehlig. „Na, das klingt doch schon viel besser. Hören Sie, ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich zahle Ihnen 10.000 Euro für jedes einzelne Körperteil, das Sie mir von Edgar schicken … Und bevor Sie dieses Angebot ablehnen, rechnen Sie nach! Wenn Sie mir jeden von Edgars Fingern einzeln schicken, können Sie sich schon einen Billig-Porsche leisten.“
Ich glaube, in diesem Moment hätte ich einschreiten müssen, doch ich war ebenso überrascht wie fasziniert. Sie sprach in einer Währung, die jeder Mann verstand: in Autos. Der Mann am Telefon schien jedenfalls noch zu rechnen.
„Nun machen Sie schon!“, forderte die Künstlerin ungeduldig. „Ein besseres Angebot werden Sie von mir nicht bekommen.“
„Ich melde mich wieder“, schnarrte die verzerrte Stimme. „Und denken Sie dran: keine Polizei …“
„Die steht längst neben mir“, erklärte die Künstlerin. „Und wenn Sie sich weiter so dämlich anstellen, funktioniert auch noch die Fangschaltung. Dann haben Sie jede Menge Ärger und ich wieder Edgar am Hals.“
Klack. Der Entführer hatte aufgelegt.
„Männer sind einfach begriffsstutzig“, sagte die Künstlerin und sah mich an. „Ich beneide Sie nicht um Ihren Job, Frau Kommissarin.“
Sie hatte leider verdammt Recht. Ich beneidete mich auch nicht; vielmehr beneidete ich im Moment diese Künstlerin. Offenbar brachte ihr Job eine Menge Geld und Unabhängigkeit mit sich. Ich sah mich in dem großen lichtdurchfluteten Raum um, den vermutlich ein ambitionierter Architekt einst als Wohnzimmer konzipiert hatte. Jetzt war der Raum ein Atelier, in dem jede Menge Holzskulpturen herumstanden, die je nach Lichteinfall sehr spezielle Schatten warfen. Ich ertappte mich bei der Erkenntnis, dass hier ein Ehemann, ganz gleich welcher Kategorie, auf jeden Fall störend wirken musste. Und wenn ich das schon erkannte, wie sollte es dann einer so begnadeten Künstlerin gehen? Diese Künstler waren immerhin allesamt geschulte Ästheten …
„Warum haben Sie uns eigentlich gerufen, wenn Sie die ganze Entführungsgeschichte so offensichtlich selbst bewältigen wollen?“, fragte ich.
Die Künstlerin sah mich vorwurfsvoll an. „Man könnte fast denken, Sie sind ein Mann. Natürlich hatte ich gehofft, dass die Entführer sofort durchdrehen, wenn sie ‚Polizei’ hören. Aber das ist sicher auch nur so ein Klischee.“ Sie schmunzelte. „Sie und Ihre ganze Truppe scheinen jedenfalls niemandem Angst einzujagen.“
Ich nickte. „In der Tat finden sich Entführer meist schnell damit ab, dass die Polizei eingeschaltet wurde. Vermutlich treibt das ihren unkontrollierten Größenwahn noch an. Kriminelle halten uns eben für Idioten!“
„Tja, mein Fehler.“ Die Künstlerin wandte sich einer Holzskulptur zu. „Allerdings zahle ich genug Steuern, um auch mal Ihre Dienste in Anspruch zu nehmen.“ Sie begann konzentriert am Geschlechtsteil der nun eindeutig als männlich erkennbaren Figur herumzuschnitzen. „Wissen Sie, Männer entführen Männer und meinen dann, dass Frauen so blöde sind und für sie zahlen. Das ist einfach lächerlich!“
„Und wie soll es Ihrer Meinung nach jetzt weitergehen?“, fragte ich.
Sie streifte sich einen Handschuh über und griff zu grobem Schmirgelpapier. „Das haben Sie doch gehört. Er ruft wieder an. Auch so eine schwachsinnige Männeridee, dass eine Frau dasitzt und auf den Anruf eines Mannes wartet.“ Sie sah von ihrer Arbeit auf. Das Geschlechtsteil der Figur war erheblich geschrumpft.
Ich ging langsam um die Skulptur herum. Sie war zwar ein bisschen kurvig, aber doch ganz klar ein Mann. Besonders faszinierte mich die glatte Oberfläche. „Was ist das für ein Holz?“
„Eiche.“ Die Künstlerin streifte ihren Handschuh ab und warf ihn mit dem abgewetzten Schmirgelpapier zur Seite. „Sehr hart und schwer zu bearbeiten, aber beständig und edel … Echte Männer sind aus anderem Holz.“
„Wann haben Sie denn Ihren Mann zum letzten Mal gesehen?“ Unwillkürlich strich ich der Skulptur über den formschönen glatten Hintern.
Die Künstlerin hatte sich inzwischen vor eine große Kiste an der Seite gehockt und kramte darin herum. „Meinen Mann?“, fragte sie beiläufig. „Gestern, vielleicht vorgestern … Wenn ich hier arbeite, bekomme ich das nicht so genau mit.“ Sie zog ächzend eine Axt aus der Kiste.
„Wo wollte er denn hin, als er zuletzt das Haus verließ?“, insistierte ich.
„Keine Ahnung.“ Die Künstlerin schulterte die Axt. „Halten Sie ihn mal fest!“
„Wen?“ Ich sah sie irritiert an.
„Na, ihn.“ Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf den Eichenmann.
„So?“ Ich umfasste seine Schultern.
„Tiefer!“, kommandierte sie.
Also griff ich ihm an die Hüften.
„Genau.“ Sie holte aus, schwang die Axt und hieb sie mitten in den hölzernen Schädel. „So.“ Die Künstlerin rieb sich zufrieden die Hände. „Jetzt ist er fertig.“
Ich zuckte zurück und bemerkte, dass meine Knie leicht zitterten. War diese Frau vielleicht doch wahnsinnig?
„Warum gucken Sie denn so komisch?“ Die Künstlerin musterte mich aufmerksam. „Stimmt irgendwas nicht?“ Sie ging mit prüfendem Blick um die Skulptur herum.
„Nein, nein“, gab ich zu. „Die Axt sitzt fest.“
„Das will ich meinen.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften.
Das Telefon klingelte. „Das ist er.“ Die Künstlerin nahm den Hörer ab. „Und? Haben Sie über mein Angebot nachgedacht. Ich meine, lange genug gedauert hat es ja …“
„Wir akzeptieren“, schnarrte die verzerrte Stimme des Entführers. „10.000 Euro pro Körperteil.“
Die Künstlerin grinste böse. „Na dann, Zahlung nach Lieferung.“ Sie legte auf. „Sehen Sie, Frau Kommissarin, es geht doch. Und die werden es wohl kaum schaffen, meinem armen Edgar zweihundert Körperteile abzuschneiden.“
Ich sah sie ungläubig an.
„Ich bekomme, was ich will, spare einen Haufen Geld …“ Sie zündete sich eine Zigarette an. „Und die paar Kröten hole ich locker mit einer von denen da wieder rein.“ Sie deutete mit einem Kopfnicken auf die Skulpturen. „Nun schauen Sie mich nicht so an!“ Sie zog genussvoll an ihrer Zigarette und blies dann den Rauch durch die Nasenlöcher. „Ich tue nichts Verbotenes. Die Entführer sind die Verbrecher, nicht ich.“
Ich nickte vage, obwohl ich keineswegs sicher war, ob sie sich nicht der Anstiftung zur schweren Körperverletzung schuldig machte. Allerdings hatte ich einen solchen Fall noch nicht gehabt. Ich musste mich erst mit meinen Kollegen beraten. „Sie rufen mich an, sobald die Entführer sich wieder melden?“ Ich drückte ihr meine Karte in die Hand.
„Na klar“, sagte die Künstlerin. „Oder wenn ich wieder jemanden brauche, der mir eine Skulptur hält.“ Sie öffnete die Haustür.
Als ich über die Schwelle trat, stolperte ich plötzlich. „Hoppla! Was ist das?“ Vor der Tür lag eine Schachtel.
Die Künstlerin bückte sich. „Das wird wohl schon das erste Körperteil sein.“
„Nicht anfassen!“ Ich zog Einweghandschuhe aus der Tasche und über meine Hände. Dann griff ich vorsichtig nach der Schachtel. Ich hielt den Atem an und konzentrierte mich ganz darauf, jedwedes Ekelgefühl zu unterdrücken.
„Nun machen Sie hier mal nicht so ein Theater. Was ist es denn nun? Ein Finger?“ Die Künstlerin nahm mir entschlossen die Schachtel aus der Hand, öffnete sie und sah hinein. „Nein, es ist sein Penis.“
„Wie bitte?“ Ich sah sie entsetzt an.
„Hier.“ Sie zog ein etwa fingerdickes glattgeschmirgeltes Stück Holz aus der Schachtel. „Edgars Penis.“ Die Künstlerin betrachtete das Holzstück kritisch. „Den kann ich noch als Nase verwenden.“

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