Buch,  Zeitgedanken

Irgendwann kommt noch was, versprochen …

Das ist hier nur die Ruhe vor dem Sturm, die Ruhe vor dem Stuhurm – Ruhe! Der Sturm. Denn die Lage spitzt sich bestimmt irgendwann zu, fest versprochen, „dass es hier auch ums Ganze gehen würde“. Schließlich wird es erst noch richtig schlimm. Ja, so weit zum Teasing, das sich über die gähnende Langeweile zu breiten versucht. Bereits auf Seite 60 möchte man alles bis Seite 51 streichen, aus dem Buch und aus dem Gedächtnis. Steckt dahinter vielleicht doch eine richtig böse und spannende Geschichte? Den Lektoratsverantwortlichen muss man doch entführt, geknebelt und gefesselt haben. Denn hilft es wirklich, das abgenutzte Wort „toxisch“ durch „kacke“ zu ersetzen, um Avantgarde zu erzeugen?

Man hätte viel aus dem Sujet machen können. Gut, der Verleger ist halt ein nerviger möchtegernwichtiger Mann und dann ist da Charlotte. Ja, man ist tatsächlich versucht, von ‚Charlotte Wahl‘ zu schreiben – da kann ich Ralf Höller (Kein Pardon für den Marder, 29.09.25, Die Assistentin | rezensionen.ch) verstehen. Charlotte attestiert sich einen Vaterkomplex. Zack, Selbstdiagnose – Teaser: bei mir wird diese Protagonistin es schwer haben, trotz aller Versprechen, es spitze sich noch zu, es sei alles nur die Ruhe (gähn!) vor dem Sturm. Und immer wenn ich meine, einem Portiönchen Pep und Originalität auf der Vokabelspur zu sein, faselt die Autorin mal wieder von „Der Teufel trägt Prada“.

Also, Charlotte ist figurenmäßig ein Rohrkrepierer: Sie hat keine Freunde, sie klammert an ihren – bereits genervten und auch sonst nicht gerade sympathischen – Eltern, sie macht offenbar alles gegen ihren Willen, wurschtelt sich durch, jammert und jault herum, Schuld tragen im Prinzip die anderen. Mangels sozialer Kompetenzen sind diese anderen bei ihr kaum vorhanden, neben den Eltern im Grunde nur halbwegs gesund reagierende erste und zweite Assistentinnen, die sich der vermeintlichen Konkurrenz entziehen. Und dann ist da eine angekündigt reingepfropfte Liebesgeschichte mit einem Typen, der mich literarisch überzeugt hätte, wenn er sich als Ausgeburt von Charlottes Phantasie entpuppt hätte. Aber so bleibt ‚Bo‘ eine Art Sozialarbeiter. Kein Mensch nimmt ihm ab, dass man sich in diese diffundierend unterwürfig inszenierte Opfer-Charlotte verlieben kann. Und Bo ist – völlig überzeugend – ganz schnell wieder weg.

Später kommt übrigens bestimmt „endlich die Katastrophe“, die dann natürlich gar keine ist, so wie nichts in diesem Buch katastrophen- oder emotionstauglich ist, außer vielleicht der Tod des Nachbarn. Im Grunde tut sich nichts, außer den wenig ergiebigen Interpretationen Charlottes betreffs Verlegerverhalten. Warum bringt den Mann denn niemand in die Klinik? Warum flippt Charlotte denn nie aus? Warum hat das Buch denn weder Handlung noch interessante Figuren? Und warum werden die dreieinhalb erzählenswerten Szenen auch noch ständig gespoilert?

„Bis zur Hälfte des Romans wird die Leserin sieben Mal vertröstet, dass es später dazu mehr gäbe. Elf Mal sind die Augen des Verlegers glasig, zehn Mal gibt es lichte Tage“, berechnet Lenore Lötsch am 9. September beim NDR („Die Assistentin“: Umständlicher Roman über Machtspiele im Verlag | ndr.de).

Hand aufs Hirn: Männer ohne Kompetenz und Klasse und Frauen, die mit fast 30 (ja, unsere Charlotte ist keine zwanzigjährige Praktikantin, sie benimmt sich nur so) derart infantil agieren, sind doch keine Geschichte. Zumindest keine, die derart langweilig erzählt werden muss. Eine „riesengroße Fehlentscheidung“ ist eine häufig bemühte Redewendung in diesem Buch – der Kauf desselben war es auch.

Caroline Wahl, Die Assistentin, Rowohlt 2025²