Alltag,  Zeitgedanken

Vorübergehende Erdgeschosse

„Maaama, Durst!“

Das angesprochene Elternteil rammt die Bremse in den Buggy und beginnt im Fach unter dem Kinder-Popo zu kramen. „Ja, dutzi, Schatzi, schmusi Hasi, Moment, ja, wo ist denn das Fläschchen?“

„Maaama, Hunger!“

Jetzt wird das Netz an der Schiebvorrichtung durchwühlt. „Willu Keksi, mein Dutzi, Schatzi, Hasi Mausi, happahappa …“

Kind kräht, man hört einen dumpfen Knall. Vermutlich ist das Fläschchen auf dem Weg gelandet. Knirschend gesellen sich Backwaren hinzu.

„Aber Hasi, Mausi!“ Das Muttertier keucht etwas. „Willu gar nicht happahappa?“

Kind kräht wie am Spieß. Der Dönermann an der Ecke kommt aus seinem Laden und guckt, was los ist. Ob er quasi den Braten riecht? Kind kräht lauter. Der Dönermann verschwindet wieder in seinem Laden.

„Was hat denn mein Hasi, Mausi?“ Die mütterliche Stimme wird immer höher, das Geschrei auch. „Hast du Aua gemacht, ganz dolle Aua gemacht?“ – „Du armes Dutzi, Schmatz-Hasi, hattu so dolle Aua gemacht, oweh!“

Das Kind kräht, ich erwäge, mitzukrähen. „Soll ich dir mal ganz dolle Aua zeigen?“, murmele ich in Richtung Fenster. Der Satz bleibt zum Glück auf der Fensterbank liegen.

Die Mutter brabbelt, das Kind kräht. Ich schließe mit Wucht das Fenster. In zwölf Jahren habe ich Schmusi Hasi, Dutzi Mausi vermutlich in meinem Unterricht sitzen und wundere mich, dass das arme Kind kaum einen Satz geradeaus schreiben kann.

Es muss etwas geschehen. Also öffne ich das Fenster wieder, schubse meinen Satz von der Fensterbank und ein paar bildungspädagogische Floskeln hinterher. Sowas wie „Sprechen Sie ordentlich mit Ihrem Schatzi-Hasi-Mausi, damit die Sprachbildung eine Chance hat!“

„Danke!“, kommt es strahlend von einem Hundebesitzer, ein Spaniel wedelt freudig.

Der kreischende Buggy verschwindet gerade im Dönerladen.

Unterm Schreibtisch macht mein Hund „wuff!“. „Ja, Schatzi-Mausi-Herbert, möchtest du ein Leckerli?“ Sein Schmatzen signalisiert unaufdringliche Zustimmung.